Schamanisch Arbeiten

Zum schamanischen Arbeiten gehören traditionell mindestens fünf Tätigkeiten:
  1. Schamanisches Heilen - Das ist die Tätigkeit, mit der wir uns im Folgenden hauptsächlich beschäftigen werden.
  2. Die Begleitung der Seelen Verstorbener in die jenseitigen Welten war und ist ein wesentlicher Teil der Trauerarbeit.
  3. Energetische Reinigung - Hier ist die Reinigung von Orten und Gegenständen gemeint, die Reinigung von Menschen z.B. von Anheftungen gehört zum Heilen.
  4. Systemisches Arbeiten - Der Schamane war auch für das Funktionieren der Familien und Gruppen zuständig, weshalb er Überlieferungen, Bräuche, Lieder und Sagen pflegte. Er war die soziale Autorität in seiner Gruppe.
  5. Wahrsagen durch Seelenreisen - In Notzeiten suchte er z.B. durch eine Seelenreise Beutetiere und teilte den Jägern mit, wo sie zu finden waren, oder er nahm als "Spion" an Kriegen teil. Diese Tätigkeiten wird heute nur noch selten ausgeführt.

Reisen in Anderswelten

Eine Vorbereitung auf die Reise ist wichtig, lass Dir Zeit dazu. Bestimmte Voraussetzungen sind notwendig:
  1. die Reinigung, um den "Staub" der alltäglichen Welt hinter Dir zu lassen und Dich von angehängten Kräften der mittleren Welt zu befreien
  2. die Anrufung, um Unterstützung bei Deiner Reise zu erfahren
  3. die Erdung, um nicht in Illusionen abzuheben und eigene Wunschvorstellungen für die Anderswelt zu halten
  4. die Zentrierung, um die innere Ruhe auch bei aufregenden und ängstigenden Erlebnissen zu bewahren
  5. Dabei erinnere ich der Kräfte der Himmelsrichtungen, der Mutter Erde, des Großvaters Universum, der Kräfte des Ortes und der Helfer und Lehrer der Mitwirkenden sowie deren Ahnen.
  6. Die Reise wird meist von deinem persönlichen "Startplatz" aus geschehen, einem echten oder imaginären Kraftort, zu dem Du in Deiner Vorstellung gehst. Hier fühlst Du Dich sicher und wohl, hier ist Dein Einstieg in die Anderswelt. In welche der Anderswelten Du reisen wirst, wird von Deiner Fragestellung abhängen, und welcher Helfer bereit ist, Dich bei diesem Thema zu unterstützen.
  7. Traditionell durchquert man hierbei einen dunklen Tunnel, an dessen Ende ein helles Licht erscheint. Das ist der Zugang zur Anderswelt, beim Verlassen des Tunnels beginnt die eigentliche Reise. Der Tunnel kann eng oder weit sein, gerade oder gewunden, lang oder kurz. Der Einstieg in den Tunnel kann ein kleines Loch sein, eine Höhle, eine Quelle oder ein Baum, an dessen Wurzeln man sich nach unten hangelt.
  8. Deine Trommel, oder welches Mittel auch immer Du zum Reisen gewöhnlich nutzt, ist sicher hilfreich, und damit gelingt die Reise bestimmt schnell und sicher. 

Die Anderswelten - unser Reiseziel

Über die Anderswelten kann man viel, meist Subjektives erzählen. Sie werden in jeder Kultur etwas anders dargestellt, aber sie unterteilen sich in der Vorstellung aller Schamanen immer in Obere, Mittlere und Untere Welten. Einige Schamanen unterteilen die einzelnen Welten weiter in verschiedene Ebenen. Zugrunde liegt dem Ganzen die Vorstellung des Weltenbaums, auch den findet man in fast allen schamanischen Kulturen wieder.

Die Anderswelten sind Wirklichkeit, und wir reisen ganz real dorthin, wenn auch die Gesetze, nach denen diese Welten funktionieren, anders als die der alltäglichen Wirklichkeit und uns nicht immer verständlich sind. Aber wir reisen nicht in unser Unterbewusstsein, oder zu unserem Über-Ich, wir reisen zu realen Orten der Anderswelten. Solange wir die Anderswelten nicht als real begreifen können, können wir sie auch nicht wirklich erreichen. Die Reise in die Anderswelt ist keine Phantasiereise.

Auch wenn die Anderswelten real sind, werden sie dennoch von den verschiedenen Schamanen unterschiedlich beschrieben. Also sind sie doch nicht real?

Nun, wie bereits oben gesagt, können wir die Anderswelten nicht wirklich begreifen, aber unser Gehirn hat einen praktischen Mechanismus, Pareidolie genannt, um uns trotzdem Bilder übermitteln zu können. Denke dabei einmal an das beliebte Spiel, in zufälligen Formen, wie zum Beispiel Wolken, Gegenstände zu sehen. In vielen Fällen wird ein Gesicht in die Form projeziert, weil Gesichter für alle Menschen das Wichtigste sind. Nun stelle Dir einmal vor, es erscheint eine Wolke, die aussieht wie ein Tier mit einem langen Hals. Ein Afrikaner wird diese als Giraffe bezeichnen, jemand aus den Anden eher als Lama, ein Spanier als Esel, da folgt jeder Mensch seinen eigenen Sehgewohnheiten.
Und so ist es auch mit den Wesenheiten, die wir in den Anderswelten finden: einer interpretiert zum Beispiel die Wesenheit, die Mut spendet, als Löwe, der andere als Drache, der dritte als Stier, das hängt ganz von den Traditionen und den persönlichen Denk- und Sehgewohnheiten ab. Das ist auch nicht weiter tragisch, da wir von diesen Wesenheiten nur die Aspekte verstehen müssen, mit denen sie uns helfen möchten.
Du solltest allerdings vorsichtig sein, zur Interpretation die Vorstellungen anderer Kulturen herzunehmen. Nur weil Du mal gehört hast, dass bei den Indianern das Stachelschwein ein mächtiges Krafttier ist, solltest Du nicht versuchen, es mit Phantasie in die eigene Vorstellungswelt hinein zu interpretieren. Dort, wo Stachelschweine alltäglich sind, haben die Menschen Erfahrungen mit ihnen, sie wissen, welche Eigenschaften sie haben, wie sie sich ernähren und verhalten, wie sie sich bewegen und wie man ihnen beikommen kann. Wenn wir diese Erfahrungen nicht haben, nützt uns ein Stachelschwein als Sinnbild einer andersweltlichen Wesenheit wenig.

Ich möchte nun nicht sagen, dass nicht auch für uns exotische Tiere als Interpretation der Erscheinungen in der Anderswelt auftreten können. Sollte ein solches Tier tatsächlich als Kraft- oder Helfertier in Erscheinung treten, haben wir viel Arbeit. Um zu verstehen, was uns die Anderswelt an die Hand gibt, müssen wir alles Erreichbare über es lernen, denn weil es bei uns nicht Teil der Natur und unseres Erfahrungsschatzes ist, wissen wir ja nichts über es. Noch mehr Arbeit wird es, wenn es ein ausgestorbenes oder ein mythologisches Tier ist, hier kann man ja nur durch Lesen etwas über das Tier erfahren, ein Gang in den nächsten Zoo zur Beobachtung bringt leider nichts. Es helfen aber weitere Reisen, um die Wesenheit zu treffen, sie von innen und außen zu betrachten, sie zu befragen und zu spüren, was ihr Wesen ausmacht.

Auch die Himmelsrichtungen haben bei den Reisen nichts mit unseren alltäglichen Richtungen zu tun, sie haben symbolische Bedeutung. Wenn wir also nach Osten reisen, werden wir zum Beispiel einen neuen Anfang machen wollen. Osten kann aber für Dich auch andere Bedeutungen haben, es lohnt sich, nach einer Reise über das Erlebte und seine symbolische Darstellung nachzudenken.

Warum Schamanen reisen ? Sie möchten bei diesen Reisen etwas erfahren oder Wissen oder Kraft mitbringen. Die ersten Reisen werden wir unternehmen, um für uns selbst Kräfte, Wissen und Fähigkeiten zu erlangen. Traditionell wird bei den ersten Reisen ein Krafttier gesucht, das uns begleitet, später Ratgeber und Helfer, so dass sich unser Wissen über und durch die Anderswelt langsam erweitert. Aber auch das ist kein Selbstzweck: Ein Schamane muss bereit sein, anderen zu helfen und sie bei Heilungen zu begleiten.

Dazu muss er aber zuerst einmal selbst heil sein. Das gilt vor allem im seelischen Bereich, denn es gibt viele Schamanen, die ein körperliches Gebrechen geduldig tragen, weil dieser Schmerz zur Erfüllung ihrer Aufgabe notwendig ist. Um ganz zu werden, wird er sich reinigen und verlorene Seelenteile zurückholen. 

Rituale

Schamanen arbeiten oft mit Ritualen. Rituale sind Handlungen, die immer wieder auf die gleiche Art und Weise ablaufen, und dadurch gewinnen sie an Kraft. Aber sie gewinnen nur dann an Kraft und werden wirksam, wenn diejenigen, die sie durchführen, sie auch verstehen und von ihnen überzeugt sind, weil sie ihre Wirksamkeit erfahren haben.

Der verwundete Heiler

Der Schamane heilt zuerst sich selbst, und dann bemüht er sich um eine Heilung anderer. Sich selbst muss er heilen, weil es zu einem Schamanen gehört, dass er krank war und nach einer Krise wieder gesund wurde, wobei er aus der Krise gestärkt und mit neuen Eigenschaften hervorgeht. Seine Heilung hat ihm den Weg gezeigt und die Kraft gegeben, anderen zu helfen. Dabei kann er am besten die Krankheit beherrschen, die er selber kennt. Das ist der Grund, warum es im Amazonasgebiet traditionelle Heiler ablehnen, die "Krankheiten des weißen Mannes" zu behandeln - sie sind ihnen nicht vertraut, sie können sie nicht erkennen und kennen keine Helfer gegen sie.

Das zeigt uns, dass nicht jeder Schamane bei allen Krankheiten helfen kann. Psychische oder physische, ansteckende oder Immun-Erkrankungen, jeder Schamane kommt damit unterschiedlich gut zurecht. Ein guter Schamane kennt, wie ein guter Arzt, seine Grenzen und verweist die Klienten an andere Spezialisten, wenn er nicht weiter kommt. Auch ist traditionelles und modernes Heilen kein Widerspruch, denn "Wer heilt, hat recht". Es wäre unverantwortlich, zum Beispiel bei einer akuten Blinddarmentzündung oder einem gebrochenen Bein, die moderne Medizin nicht zu nutzen, wenn sie zur Verfügung steht. Aber beim Heilungsprozess kann ein Schamane wichtige Hilfen anbieten.

Kraft und Wissen

Schamanen sind Menschen, sie haben also ein begrenztes Wissen und begrenzte Kräfte. Wenn sie mit ihrem Wissen und ihren Kräften heilen wollten, würden sie vieles falsch machen, sich total verausgaben oder sogar krank werden. Deshalb bitten sie auf Reisen um Hilfe.

Der Helfer, der einen Schamanen lange Zeit - manchmal ein ganzes Leben lang - begleitet, ist traditionell ein Krafttier, ich sage lieber Kraftwesen, denn es kann auch etwas ganz anderes als ein Tier sein. Dieses symbolisiert die Kraft, die der Schamane aus der Anderswelt erhält, um ihn zu unterstützen. Diese Kraft ist höchst real und keinesfalls symbolisch, symbolisch ist nur das Tier. Traditionell lernt der angehende Schamane das Kraftwesen, das bereit ist, ihm zu helfen, bei einer seiner ersten Reisen kennen. Das ist oft seine erste Aufgabe, denn ohne den Schutz eines Kraftwesens zu reisen, kann den Unerfahrenen verunsichern und die Reise unmöglich machen.

In diesem Zusammenhang werden oft missverständliche Ausdrücke benutzt. "Mein" Krafttier ist falsch, denn es ist eine Wesenheit, die bereit ist mir zu helfen; ich besitze sie nicht. Auch suchte ich kein Krafttier, sondern es stellt sich mir vor. Wie sich das Krafttier vorstellt, ist unterschiedlich, man muss es nicht vier Mal auf einer Reise sehen, wie oft gesagt wird. Manchmal sieht man es, oder riecht, hört, spürt es, und ist dann absolut sicher: "Das ist es!"

Viele Schamanen fühlen sich mit einem starken Tier an der Seite sicherer. Deshalb wird sich die Kraft auch als mächtiges Tier darstellen, als Wolf oder Bär oder Hirsch. Würde sich die Kraft als Maus darstellen, könnte sie dem Schamanen diese Sicherheit beim Kampf gegen eine mächtige Krankheit nicht geben, wenn er nicht die Stärke dieses Tiers erkennt. Obwohl vielleicht gerade die Maus, möglicherweise weil sie überall verschwinden kann, oder sich nicht ausrotten lässt, am besten helfen könnte. Aber auch der Schamane bekommt aus der Anderswelt, was man braucht, und wenn das Sicherheit ist, muss eben ein Elefant her und keine Maus.

Die Krafttiere stammen meist aus der Unteren Welt, aus Mittleren und der Oberer Welt kommen noch andere Helfer und Ratgeber, die sich oft in menschlicher Gestalt oder als Engel zeigen. Diese begleiten den Schamanen nicht, aber sie stehen bereit, wenn er Rat und Hilfe braucht, sie können dann gerufen werden. Ich kenne in der Unteren Welt einen "Pfadfinder", der sich dort glänzend auskennt und der vor allem dort jeden kennt. Wenn ich also einen Helfer für ein bestimmtes Problem suche, kann ich ihn fragen, und wenn er denkt, dass ich Hilfe nötig habe, wird er mich mit ihm bekannt machen. Wenn er allerdings weiß, dass ich mir mit ein bisschen Nachdenken und Suchen selbst helfen könnte, dann kann es sein, dass er sagt: "Frag nicht so blöd!", und verschwindet. Nach meinen Erfahrungen sind die Helfer, Ratgeber und Krafttiere nämlich nicht zimperlich, man darf keine "beleidigte Leberwurst" sein, sondern muss bereit sein zu lernen, auch wenn es weh tut.

Helfer können sich als Tiere, Menschen, Pflanzen oder andere Wesen darstellen. Meist stellen sie sich für die Erledigung einer ganz bestimmten Aufgabe zur Verfügung, zur Heilung einer ganz bestimmten Krankheit oder zur Erlangung einer bestimmten Information. Sie können aus allen drei Welten kommen.

Es muss nicht immer eine Reise sein

Nicht immer muss man reisen, um Wissen zu erhalten. Manchmal muss man auch einfach nur seinen Geist öffnen und hinschauen. Auch auf den Instinkt zu hören, ist nicht das schlechteste Verfahren, denn der Instinkt ist das Wissen der Ahnen.

Ein Beispiel: Zur Erfüllung einer ganz bestimmten Aufgabe brauchte ich eines Tages einen Stein, ich war sicher, wie er aussehen musste, aber ich hatte ihn noch nicht gefunden. Dann verließ ich das Haus zu irgendeinem alltäglichen Zweck, und war mir beim Überschreiten der Schwelle sicher, wo ich den Stein finden würde. Und genau an der Stelle lag er, genau so, wie ich ihn vorher gesehen hatte, und alles ohne Reise.

Seelenteile zurückholen

Bei der Visionssuche suchst Du Dinge, die zu Dir passen. Vielleicht hast Du aber durch frühere seelische oder körperliche Verletzungen Teile Deiner Seele verloren, und die müssen gefunden und davon überzeugt werden, zu Dir zurückzukommen. Denn nur, wenn Deine Seele ganz ist, bist Du heil, und nur dann kannst Du auch heilen.

Diese Seelenteile haben Dich bei einem großen Schock verlassen. Sie irren nun in der Anderswelt herum und suchen ihre Bestimmung. Dabei senden sie aber wie ein Leuchtturm Signale aus, die es dem Schamanen möglich macht, sie zu finden. Meist sehen sie aus wie der Klient zu dem Zeitpunkt, an dem der Schock passiert ist.

Ist der Seelenanteil gefunden, muss er überzeugt werden, zum Klienten zurückzukommen. Dabei muss klar sein, dass der Grund der Trennung nicht mehr existiert, die Seelenanteile haben dafür ein feines Gespür. Es gibt verschiedene Methoden, Seelenanteile zurückzubringen, wähle die aus, die bei Dir am besten funktioniert.

Der Klient muss hierbei mitarbeiten: er muss den Seelenanteil willkommen heißen und integrieren, damit er sich nicht wieder selbstständig macht. Das bedingt oft die Bereitschaft zu tiefgreifenden Änderungen.

Seelenanteile zurückholen ist die Hohe Schule der schamanischen Arbeit, ich konnte hier nur einen kurzen Abriss geben, aber es gibt Literatur dazu. Allerdings dauert nach meinen Erfahrungen die erfolgreiche und endgültige Rückholung von Seelenteile weit länger als in der Literatur beschrieben.

Extraktion

Die Extraktion von Wesenheiten, die nicht zum Klienten gehören, sind eine andere Form der Heilung. Diese Wesenheiten machen sich durch seelische oder körperliche Krankheiten oder Störungen bemerkbar, beim "Abtasten" des Aurafeldes oder bei einer Reise in den Körper des Klienten können sie entdeckt werden, aber auch Deine Helfer aus der Anderswelt können sie Dir zeigen.

Die fremden Wesenheiten können nur eindringen, wenn in der Seele des Klienten ein Stück fehlt, dann versuchen sie, die Lücke zu füllen und so den Klienten wieder "rund" zu machen. Eine Extraktion, ohne den fehlenden Seelenanteil zurück zu holen, bringt also nichts, es bleibt eine Lücke, und es wird sich eine andere unerwünschte Kraft finden, die Lücke auszufüllen sucht. Die fremde Wesenheit ist also nicht von vorne herein schlecht, sie versucht ja zu helfen, das führt aber, da sie nicht zum Klienten gehört, zu Störungen.

Ein Beispiel: Nach dem Besuch eines "Hexenkellers" in einer Burg litt ein Klient plötzlich an Klaustrophobie. Eine Reise brachte zutage, dass sich eine dunkle, angstvolle Wesenheit aus der mittleren Welt während dieses Besuches bei ihm angeheftet hatte. Indem diese Wesen­heit erfolgreich gelöst und die verlorenen Seelenanteile des Klienten gefunden wurde, verlor sich die Klaustrophobie wieder.

Bei Extraktionen oder der Reinigung eines Ortes werden allerdings keine Exorzismus vorgenommen. Die Wesenheiten werden nicht verjagt oder herausgezwungen. Es ist sinnvoller, ihnen für ihre bisherige Anwesenheit zu danken - sie haben ja einen Zweck erfüllt, sonst wären sie nicht gekommen. Dann bittet man sie, zu gehen, indem man ihnen versichert, dass ihre Aufgabe nun erfüllt ist. Perfekt ist es, wenn man herausgefunden hat, wohin sie gehen sollten, ansonsten kann man Mutter Erde, der großen Wandlerin, darum bitten, beim "Aufräumen" zu helfen.

...und woran erkennt man nun einen Schamanen?


Diese Frage ist schwierig zu beantworten, weil es "den Schamanen" nicht gibt. Es gibt keine allgemeingültige Definition, und auch kein allen Schamanen gemeines Handeln. Neben äußerlichen Unterschieden ist auch ihr Handeln ist unterschiedlich. Man kann sich noch nicht einmal darauf verlassen, dass man einen Schamanen vor sich hat, wenn er sich so verhält, wie man es von einem anderen kennt. Und erst gar nicht kann man sich auf die eigene Aussage des fraglichen Menschen verlassen.

Was einen Menschen zum Schamanen macht, spielt sich in der Anderswelt ab, ist also für den Außenstehenden nicht sichtbar. Es gibt also nur Hinweise darauf, dass jemand schamanisch arbeitet und/oder Schamane ist, wobei es durchaus Menschen mit schamanischem Erleben gibt, die keine Schamanen sind. Zum Schamanen gehört auf jeden Fall:

  1. das Wissen um die Existenz der Anderswelten. Er besucht diese Welten regelmäßig und kennt sie und die dort lebenden Wesen.
  2. er bereist diese Anderswelten, um anderen Menschen zu helfen
  3. er wurde nicht freiwillig Schamane, sondern durch eine "Schamanenkrankheit" dazu gezwungen
  4. außer schamanischen Tätigkeiten hat er noch andere Aufgaben
  5. er hat keine Lösung für die Probleme der Welt, ja nicht einmal für die Probleme eines einzelnen Menschen

Dieser letzte Punkt scheint mir besonders wichtig. Als Schamane hat er Wesen kennengelernt, die weit klüger sind als er und einen viel größeren Überblick über die Gesamtzusammenhänge haben als er. Weiterhin weiß er, dass eine Lösung, die einem einzelnen Menschen richtig scheint, trotzdem falsch sein kann, weil sie der Gemeinschaft schadet. Er wird sich also vor schnellen Patentlösungen hüten.

Quelle: wikibooks-Einführung in schamanische Welten
Michael Harner - Der Weg des Schamanen PDF

Ausschlaggebend für die Initiation zum Schamanen ist die sogenannte Schamanenkrankheit. Mircea Eliade, in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts Professor an der progressiven Universität von Chicago, gilt als der Begründer der Schamanismsusforschung. In seinem Buch „Schamanismus und archaische Ekstasetechniken“, das 1951 erschien, konstatierte er zum ersten Mal, dass es sich beim Schamanismus nicht um eine pathologische Erfahrung handle. Schamanen seien also nicht in bizarre Ekstasen abtauchende, psychisch Gestörte, sondern würden durch ihre Arbeit tiefe religiöse Erfahrungen machen, die eben Teil des Lebens sein können. Er verglich verschiedene asiatische Schamanen und Traditionen, erkannte aber eine Gemeinsamkeit in deren Biografie: Jeder Schamane erkrankt einmal in seinem Leben schwer und unerklärlich. Während dieser Krankheit durchlebt er dabei die Vision einer Zerstückelung. Ihm wird das Fleisch abgehauen und von den Knochen gerissen, bis er nur noch als Skelett dasteht. Erst dann wird es ihm Stück für Stück wieder angefügt, ihm werden neue Augen eingesetzt, und so neu zusammengesetzt begibt er sich auf eine Reise durch die Sphären. Erst durch die Erkrankung wird ein Mensch überhaupt zum Schamanen.
Quelle: www.deutschlandfunkkultur.de/ethnologie-medizinmann-wahrsager-oder-zauberer.976.de.html